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Standardkern plus Prozessschicht: der pragmatische dritte Weg

· Lukas Schober

Standardsoftware oder Individualentwicklung — die Frage wird fast immer als Entweder-oder gestellt und fast nie so beantwortet. Wie die Aufteilung aussieht, welcher Teil wohin gehört und wo dieser Weg nicht trägt.

Die Frage wird in Angebotsvergleichen fast immer als Alternative gestellt: Standardprodukt oder eigene Entwicklung. In der Praxis endet sie fast nie so. Was tatsächlich entsteht, ist eine Aufteilung — ein gekauftes System für den Kern und eine eigene Schicht für das, was den Betrieb ausmacht.

Das ist kein Kompromiss zwischen zwei Wegen, sondern ein eigener. Er ist billiger als eine vollständige Eigenentwicklung, tragfähiger als ein Produkt, das an drei Stellen umgangen wird — und er beschreibt ehrlich, was wir in den meisten Projekten bauen.

Warum die Entweder-oder-Frage in die Irre führt

Beide reinen Wege scheitern an derselben Stelle: Sie behandeln einen Betrieb, als sei er in allen Teilen gleich besonders.

Ein Betrieb besteht aber aus zwei sehr verschiedenen Sorten von Arbeit. Die eine ist Pflichtarbeit — Rechnungen, Stammdaten, Buchhaltung, Zeiterfassung. Sie läuft überall ungefähr gleich, und jede Abweichung davon ist Zufall, nicht Vorteil. Die andere ist der Teil, wegen dem Kunden bei Ihnen kaufen: wie Sie kalkulieren, wie Sie disponieren, wie Sie prüfen und nachweisen.

Wer beides in ein Standardprodukt zwingt, verliert den zweiten Teil. Wer beides selbst baut, bezahlt Entwicklung für Buchhaltungslogik, die es tausendfach fertig gibt. Die Aufteilung löst genau diesen Widerspruch.

Nur Standardprodukt Nur Eigenentwicklung Standardkern plus Prozessschicht
Kosten am Anfang niedrig hoch mittel
Kosten über Jahre Lizenz plus Anpassungen Betrieb und Weiterentwicklung Lizenz plus Betrieb der Schicht
Passung zum Ablauf bis zu der Stelle, an der Ihr Betrieb anfängt, besonders zu sein vollständig vollständig dort, wo es zählt
Wer pflegt den Kern der Hersteller Sie der Hersteller
Typischer Fehlschlag das System wird umgangen Sie bauen Selbstverständliches nach die Verbindung dazwischen wird vernachlässigt
Wechselbarkeit Anbieterwechsel möglich Neubau Kern austauschbar, Schicht bleibt

Was genau ist die Prozessschicht?

Der Begriff klingt technischer, als er ist. Gemeint ist eine eigene Anwendung, die drei Dinge tut, die das gekaufte System nicht tut:

Sie hält die Regeln, die nur bei Ihnen gelten. Ihre Preisstaffeln, Ihre Freigabewege, Ihre Prüfschritte, Ihre Fristen. Das sind selten viele — aber es sind die, an denen jeder Arbeitstag hängt.

Sie gibt den Menschen eine Oberfläche, die zu ihrer Arbeit passt. Nicht 40 Felder, von denen sechs benutzt werden, sondern die sechs. Das ist kein Schönheitsthema: Jedes überflüssige Feld ist eine Fehlerquelle und eine Schulungsstunde.

Sie führt zusammen, was in mehreren Systemen liegt. Eine Ansicht, die Daten aus dem gekauften System, aus einer Tabelle und aus einem Portal an einer Stelle zeigt. Wie so eine Ansicht entsteht, steht unter Web-Dashboards.

Was die Prozessschicht ausdrücklich nicht tut: Buchhaltung nachbauen, Stammdaten doppelt führen oder Rechnungen selbst erzeugen. Sobald sie das anfängt, ist sie keine Schicht mehr, sondern ein zweites Kernsystem — und Sie haben ohne Absicht die teure Variante gekauft.

Welcher Teil gehört wohin?

Die Zuordnung entscheidet über Kosten und Haltbarkeit. Die folgende Aufteilung trägt in den meisten Betrieben:

Aufgabe Gehört in den gekauften Kern Gehört in die eigene Schicht Warum
Stammdaten von Kunden und Artikeln Eine führende Stelle, sonst entstehen zwei Wahrheiten
Buchhaltung, Steuern, Rechnungsstellung Gesetzlich geregelt, ändert sich extern, wird gepflegt geliefert
Standardisierte Belege und Formulare Der Hersteller zieht Änderungen der Vorgaben nach
Ihre Kalkulations- und Preisregeln Genau hier unterscheiden Sie sich vom Wettbewerb
Freigabe- und Prüfwege Kein Produkt kennt Ihre Zuständigkeiten
Fristen, Nachweise, Wiedervorlagen Ihre Pflichten, Ihre Intervalle, Ihre Dokumentation
Auswertungen über mehrere Quellen Der Kern kennt nur seine eigenen Daten
Oberflächen für einzelne Rollen Weniger Felder, weniger Fehler, kürzere Einweisung
Datenaustausch zwischen beiden Das ist die Verbindung, um die es im nächsten Abschnitt geht

Die Faustregel dahinter: Alles, was sich ändert, weil ein Gesetz oder ein Markt sich ändert, gehört in den Kern. Alles, was sich ändert, weil Sie sich ändern, gehört in Ihre Schicht.

Woran hängt der dritte Weg?

An der Verbindung. Und das ist der Punkt, an dem dieser Weg in der Praxis am häufigsten scheitert — nicht an der Schicht selbst.

Sobald zwei Systeme dieselben Daten kennen, brauchen Sie Antworten auf drei Fragen: In welche Richtung fließen die Daten? Wer gewinnt, wenn beide Seiten denselben Datensatz ändern? Und was passiert, wenn eine Seite nicht antwortet? Die fünf technischen Wege dorthin und ihre jeweiligen Risiken stehen in Zwei Systeme verbinden.

Praktisch heißt das: Prüfen Sie vor der Kaufentscheidung für den Kern, ob das Produkt eine dokumentierte Schnittstelle hat — also eine vom Hersteller vorgesehene Möglichkeit, Daten von außen zu lesen und zu schreiben. Ein Produkt ohne diese Möglichkeit ist für den dritten Weg ungeeignet, egal wie gut es sonst ist. Das ist die einzige Prüffrage aus diesem Artikel, die sich später nicht mehr korrigieren lässt.

Wie wir solche Verbindungen bauen und was zum Umfang gehört, steht unter Schnittstellen und Systemanbindungen.

Drei Fehler beim Zuschnitt

Die Schicht wächst in den Kern hinein. Sie beginnt mit Preisregeln, bekommt dann eine Artikelverwaltung, dann eine eigene Kundenliste — und irgendwann pflegt jemand Daten an zwei Stellen. Ziehen Sie die Grenze schriftlich, bevor gebaut wird, und prüfen Sie sie bei jeder Erweiterung.

Die Verbindung wird als Nebensache behandelt. Sie steht als kleiner Posten am Ende des Angebots, ohne Fehlerbehandlung, ohne Protokoll, ohne Benachrichtigung. Dann funktioniert sie im Test und fällt im Betrieb still aus. Was in jedes Angebot gehört, steht in Was kostet eine Schnittstelle.

Die Schicht bildet den Wunschablauf ab statt des tatsächlichen. Wenn ein Ablauf gerade umgebaut wird, warten Sie damit. Wer einen Zustand abbildet, den es in sechs Monaten nicht mehr gibt, bezahlt zweimal.

Woran Sie merken, dass Ihre Prozessschicht längst existiert

In den meisten Betrieben gibt es sie schon — nur nicht als Software. Sie besteht aus einer Tabelle, die neben dem eigentlichen System geführt wird, aus einem geteilten Ordner, aus einer Person, die die Ausnahmen im Kopf hat, und aus E-Mails, in denen Freigaben stehen.

Das ist die günstigste denkbare Prozessschicht, und für kleine Mengen ist sie richtig. Sie wird teuer, sobald mehrere Menschen gleichzeitig darin arbeiten, sobald Stände auseinanderlaufen und sobald jemand rückwirkend nachvollziehen muss, wer wann was entschieden hat. Die technischen Gründe stehen in Excel als Datenbank, der Rechenweg für die Entscheidung in Ab wann kostet die Excel-Liste mehr, als sie spart.

Was das kostet

Der Reiz dieses Wegs liegt im Zuschnitt: Sie bezahlen Entwicklung nur für den Teil, der bei Ihnen anders ist. Der Kern bleibt ein gekauftes Produkt mit seiner Lizenz.

Bei uns beginnt die Verbindung zwischen zwei Systemen bei 2.500 € netto. Eine Auswertung über mehrere Quellen beginnt bei 3.500 €. Eine Schicht, die einen ganzen Ablauf mit Rollen und Rechten trägt, beginnt bei 7.500 €. Der laufende Betrieb beginnt bei 149 € im Monat und ist freiwillig — Sie können jede Anwendung auch selbst betreiben. Welche Faktoren den Betrag bewegen, steht auf unserer Seite zu den Kosten.

Eine ehrliche Einordnung dazu: Der dritte Weg ist nicht in jedem Fall der günstigste. Er ist der günstigste, wenn der Kern wirklich passt. Passt er nicht, kaufen Sie eine dauerhafte Verbindung zu einem System, das Sie ohnehin loswerden wollen — und dann ist die Grundsatzfrage doch wieder offen. Die neun Prüffragen dazu stehen in Make or Buy bei Software.

Wie Sie anfangen

Nehmen Sie einen einzigen Ablauf, der heute regelmäßig Ärger macht, und ordnen Sie seine Bestandteile mit der Tabelle oben zu. Dann prüfen Sie, ob Ihr Kernsystem eine dokumentierte Schnittstelle hat. Nach dieser halben Stunde wissen Sie, ob der dritte Weg für Sie überhaupt infrage kommt.

Wenn Sie das Ergebnis gegenlesen lassen möchten: Eine schriftliche Einschätzung zu Machbarkeit, Aufwand und Risiken bekommen Sie mit unserer Machbarkeits-Analyse für 490 €, die bei Beauftragung angerechnet wird. Anfragen dazu über das Kontaktformular.

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